Drei Monate Teheran

Nach Georginas erstem Bericht ist es jetzt, mehr als drei Monate nach meiner ersten Ankunft in Teheran, Zeit für ein deutschsprachiges Update. Englische Übersetzung folgt für die hoffnungslos Einsprachigen demnächst.

Die Sommerwochen sind nunmehr fast zu Ende und die guten Nachrichten überschlagen sich. Da wäre zuerst mal die Schule. Gerade mal eine Woche, bevor Madelene und Tristan in der britischen Schule die nächste Klasse besuchen sollen, ereilt uns die Nachricht, dass die iranische Regierung das Gelände, auf dem die Schule steht, als iranisches Territorium ansieht und seit einigen Tagen niemandem ohne Diplomatenpass den Zutritt gewährt. Das heisst, auch uns nicht, von den Lehrer ganz zu schweigen.

Hier sollte erwähnt werden, dass sich dieser Streit schon einige Jahre – so ca. 18 – hinzieht, und die britische Schule wegen der Streitigkeiten auch keine offizielle Schulgenehmigung der iranischen Regierung hat, also quasi auf eigene Faust agiert. Trotzdem werden die Abschlüsse dort international anerkannt. Die deutsche Schule steht im übrigen auf dem gleichen Gelände, ist allerdings wenigstens von der Regierung anerkannt, und hat damit also ein Problem weniger. Die britische soll allerdings die beste Schule hier sein, was wohl auch der Grund ist, warum u.a. auch der österreichische Botschafter seine Tochter dort hinschickt.

Wie dem auch sein mag, damit steht für uns jetzt erstmal offen, wohin die Kinder Anfang nächster Woche gehen sollen. Wir gehen davon aus, dass die Entscheidung a l’Iranienne stattfinden wird – sprich, auf dem letzten Drücker.

Nun zu den guten Nachrichten. Unser Auto – ein recht grosser Geländewagen der Marke Toyota Prado, wegen der zu überquerenden Flüsse und steilen Auffahrten unabdingbar für die wochenendlichen Campingtrips, mit denen man sich hier im Sommer die Zeit vertreibt – ist inzwischen anscheinend in Teheran angekommen. Das ist gut, denn ich habe bereits vor einigen Wochen bar bezahlt und das Gerät auch schon im Juni bestellt. Jetzt kann es sich nur noch um Wochen handeln, bis wir die Einfuhrgenehmigung erhalten.
Inzwischen kann ich mir überlegen, wie ich in meinen Tagesablauf die drei Stunden Wartezeit für Benzin einbauen werde, da der Sprit ja seit einigen Wochen rationiert worden ist. Nicht für uns, denn Internationale bezahlen nicht-subventionierte Preise und können damit tanken, soviel sie bezahlen können; aber wir müssen natürlich auch mit den anderen Schlange stehen. Die erreichen zu jeder Tages- und Nachtzeit so ca. 30m; die geschäftstüchtigeren Teheraner nützen diese Zeit, um den anderen Wartenden nützliche Dinge zu verkaufen, wie bspw. Hausschuhe.

Auch gut ist, dass inzwischen anscheinend unsere Haushaltsgegenstände aus Wien eingetroffen sein sollen. Sie befinden sich derzeit im Zolllager und warten nur auf den erlösenden Freistellungsbrief des Aussenamtes, der allerdings bis Druckstellung dieses Briefes bislang noch nicht ausgestellt wurde. Auch nicht letzte Woche, obwohl die Lieferung schon seit 20. August irgendwo da im Schatten herumsteht. Hoffe ich zumindest, das mit dem Schatten.

Da die Schule ja eventuell doch nächste Woche anfängt, erwarten wir mit dieser Lieferung auch andere nützliche Dinge, wie bspw. die Schultaschen unserer Kinder. Nachdem der Transport bereits vor ca. 2 Monaten auf den Weg gebracht werden sollte, erfuhren wir erst vor ca. 10 Tagen, dass der Laster sich immer noch in Wien befand – wahrscheinlich hatte er bereits im Vorhinein Heimweh nach Österreich.

Womit verbringt nun so der durchschnittliche Internationale in Teheran seine Zeit. Da night life flach fällt und im Sommer nur begrenzt Zugang zu anderen Internationalen besteht – wichtig nicht für uns, sondern für die Kinder, die inzwischen auf englisch- oder deutschsprachige Kontakte bestehen – muss das genau organisiert werden. Vor allem auch deshalb, weil der Strassenverkehr in Teheran eine Herausforderung darstellt. Ein kurzer Exkurs zu Letzterem, da es kein anderes Thema hier gibt, das so einmütig diskutiert wie die Verkehrslage. Sie ist quasi wie bei uns das Wetter Einführung, Hauptteil und Abschluss jedes ordentlichen small talks.

Man stelle sich das so vor: von rund 14 Millionen Teheranern verfügen rund 6 Millionen über ein Auto. Dies basiert mitnichten auf handfesten Statistiken, sondern nur eigenen Hochrechnungen, basierend auf allmorgendlich selbst durchgeführten Zählungen, während ich an der Ampel stehe. Oder leise an heiss umkämpften Tankstellen vorbeikrieche.

Von den anderen 8 Millionen Teheranern dürften so ca. 4 Millionen mit leichtgewichtigen Mopeds und Motorrädern bewaffnet sein. Der Rest verlässt entweder nie das Haus, fährt selbstmörderische Verkehrsmittel wie mountainbikes, oder benützt den selbst für Einheimische recht undurchsichtig organisierten öffentlichen Transport. Es gibt wahrscheinlich nicht mehr als 2000 Motorradhelme im Umlauf, die meisten lässig über dem linken Arm baumelnd, während der Fahrt oder anderswo. Kindersitze in Autos sind unbekannt. Aber: es gibt eine bindende Gurtpflicht (vorne), die durch drakonische Strafen von der Polizei durchgesetzt wird.

Die meisten Teheraner, die im Ausland leben, wohnen in Los Angeles, das im Volksmund auch Tehrangeles heisst. Obwohl ich dort nie war, stelle ich es mir ähnlich vor, minus dem Strand und Hollywood. Teheraner Strassen sind zumeist achtspurig, obwohl es nur auf rund deren Hälfte Spuren gibt, so dass jeder Fahrer eigentlich gutwillig über den Asphalt schlingert, wo es denn eben Platz gibt. Einbahnstrassen sind zumeist mehr Zeichen des Goodwill der Stadtverwaltung, und werden absolut niemals von Zweirädern jedweder Art eingehalten.

Es gäbe da noch viel mehr zu erzählen, aber es soll genügen zu erwähnen, dass alle diese Zustände, gekoppelt mit der Notwendigkeit, wegen der Distanzen für jede Kleinigkeit fahren zu müssen (siehe auch oben „Los Angeles“), es absolut kein Vergnügen machen, irgendwo hinzufahren. Die Kinder hassen es, das Haus zu verlassen (auch bestätigt von anderen englischen, mit Kindern bedachten Freunden, die sich manchmal tagelang in ihrem Domizil einsperren – die Eltern, nicht die Kinder), und es benötigt ausserirdische Kräfte, um eine Stadtbesichtigung durchzuführen.

Mit genügend Proviant, allen Notruftelefonnummern, ausreichend Devisen und lokalen Rials ausgestattet, haben wir es nichtsdestotrotz geschafft, uns so einiges anzusehen, nicht nur in Teheran sondern auch darüber hinaus.

Das Spektakulärste war sicherlich unser Besuch in Isfahan von 10 Tagen. Da unsere Wochenenden an Freitagen und Samstagen stattfinden, schifften wir uns am Donnerstag Abend für einen Direktflug von Teheran Mehrabad nach Isfahan ein, was erstaunlich glatt von sich ging – in der Retrospektive auf jeden Fall. Wir kamen eine Stunde später mit zwei nicht zu aufgeregten oder müden Kindern in der Stadt an, schnappten uns das erstbeste Taxi und fuhren zu unseren Freunden im Zentrum der Stadt. Der Taxifahrer verstand sogar unser geradebrechtes Adressgestammel, sehr zu unserer Verwunderung.
Am nächsten Tag besuchten wir gegen Mittag die ersten Schönheiten dieser Stadt – die unvergleichlichen Brücken, die aus dem 16. Jhrh. stammen, das ehemalige Shah Abbas und jetzige Abbasi-Hotel, dessen Garten der Zentralplatz einer ehemaligen Karawanserei darstellt, und schlussendlich den Palast der 40 Säulen, die eigentlich nur 20 sind, sich aber bei guter Sonnen- und Wetterlage in dem langen vorgelagerten Wasserbecken spiegeln. Wie romantisch und auch wunderbar.

Wir genossen noch ein Safraneis im hiesigen Teehaus, dann ging es wieder zurück zum Haus unserer Freunde, zur allgemeinen Freude der Kinder, die schon die Nase voll hatten von Palästen und endlich wieder in den Pool wollten. Ausserdem hatte das Thermometer schon wieder die Nase nahe an der 40 Gradgrenze.

Am nächsten Tag so ziemlich das gleiche Programm, mit der Ausnahme, dass wir dieses Mal den Basar und den Hauptplatz – den Imam-Platz – wie auch eine armenische Kirche besuchten, bevor wir wieder an den heimischen Pool stürzten. Am Abend war es dann Zeit, nach Teheran zurück zu kehren. Wir buchten ein Taxi zum Flughafen, und damit fingen die Probleme an.

Letztendlich war es nur eine Ausweitung des Abenteuers Iran, aber doch etwas entnervend. Wir erreichten den Flughafen mit genügend Pufferzeit, um noch eine Packung „Gaz“ – eine Art Isfahaner „türkischem Honig“ – zu kaufen und zu verspeisen, als wir zu unserer Enttäuschung auf dem Informationsschild „Delay“ lasen. Der frühere Flug um 22.30 war bereits ausgebucht und flog planmäßig. Unser Flug um 22.55 war ebenfalls ausgebucht, aber war verspätet. Wir checkten ein und wurden vertröstet. Wir warteten, kauften Wasser, kitzelten die Kinder, warteten, wurden vertröstet.

Wir verfolgten iranisches Fernsehen auf dem Grossbildschirm, beobachteten die anderen Flugreisenden – die Glücklichen – und wurden vertröstet. So ca. gegen Mitternacht wurde uns dann eröffnet, dass der Flug schon noch gehen würde, aber erst um 6.30. Madelene und Tristan waren auf unseren Knien eingeschlafen, und wir waren auch schon ganz schwach. Ich cancelte unser Ticket und wir führen zurück zu unseren Freunden, die in Windeseile das Gästezimmer wieder herrichteten und uns einen kühlenden Drink mixten.
Am nächsten Tag, nach einem stärkenden Brunch, machten wir einen erneuten Anlauf. Da ich technisch jetzt im Büro sein sollte, aber auf Iran Air keine grösseren Hoffnungen mehr setzte, buchten wir Plätze im Überlandbus, zwei Reihen hinter dem Fahrer, ein schwerer Fehler.

Die Fahrt was verhältnismässig ereignislos, bis auf den Dutzenden Stops, die aus unerfindlichen Gründen unregelmäßig stattfanden und leider nur ein einziges Mal bei einem Teehaus stattfanden.

Schwieriger war die Entertainment-Situation. Da wir auf den bereits erwähnten Zweitreihen hinter dem Fahrer Platz genommen hatten, wurde uns auch das zweifelhafte Vergnügen teil, den mir völlig unbekannten Hollywood-Klassiker „Blind Fury“ zu geniessen, in dem ein blinder (NB: daher der Titel) Vietnamveteran mit seinem Stock und viel Kung Fu-Talent unter Bösewichtern irgendwo im Midwest aufräumt. Wenig interessant für mich, da das Genre mir wenig sagt, aber faszinierend für unsere 7 und 8-jährigen Familienangehörigen, die ihre Augen nicht vom 18-inch Bildschirm abwenden konnten. Mochte ich auch so laut wie irgend möglich Grimmsche Märchen vorlesen – der Film wurde für Reihe 48-50 auf voller Lautstärke ausgestrahlt, auf Persisch – ich konnte die Aufmerksamkeit der Kleinen nicht auf mich lenken. Mit Grauen dachte ich an die Warnungen unserer ehemaligen Montessori-Schule gegenüber den Verführungen des Television.

Nach nur 7 Stunden in sengender Hitze – air condition allerdings inklusive – waren wir dann wieder zuhause, bzw. in Mittelteheran, von wo wir noch ein Taxi finden mussten, um uns für eine weitere Stunde tatsächlich vor unsere Haustür fahren zu lassen. Ich war noch nie so glücklich, unsere Pforte zu überschreiten.

Dies war also unser grosses Abenteuer. Letztes Wochenende waren wir etwas bescheidener, wir besichtigten lediglich den Niavaran-Palast, den zweitwichtigsten ehemaligen Palast des ehemaligen Schahs, auf 62.000 m2 Gartengelände gelegen und mit Hubschrauberlandeplatz und einem ausgezeichneten Teehaus ausgestattet. Leider war der Palast gerade zu, aber dafür waren die Gärten völlig offen, wie auch das Teehaus, und dazu noch menschenleer. Eine schöne Abwechslung, nach dem Stress mit Isfahan.

Dieser Brief hat jetzt bereits vier Seiten erreicht, daher ist es jetzt Zeit für eine kurze Unterbrechung. Wenn ich es so recht überlege, werde ich die Übersetzung doch lieber Georgina überlassen.

Bleibt nur noch, Euch an unsere Bilder zu verweisen, die wir aufs Netz gestellt haben, unter anderem ein Isfahan special, sowie schöne Bilder des Geckos, das wir in unserem Waschbecken gefunden haben, wie auch die Baby-Vögel, die die Kinder die ersten 3 Wochen fasziniert beobachtet haben. Inzwischen sind wir in unser Haus umgezogen, das mit Katze kam, mit dem sich die Kinder jetzt zumeist beschäftigen.

Alles, alles Gute und schöne Grüsse aus Teheran,

Alex und die Nitzsche Creatures

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