Iran: Kaugummis und der Zement der Macht

28.09.2007 | MICHAEL REICHEL (Die Presse)

Ihre Moscheen, die schönsten der Welt, zeigen die Mullahs gerne her, sich selber aber nur ungern. Eine Visite.

Wie alt kann das Mädchen mit dem kobalttürkisen Kopftuch sein? Vier, fünf? Sie fürchtet sich ein bisschen vor dem Ausländer. Doch die Neugier ist stärker. „Helló“, piepst sie und winkt. Ihre Mutter im schwarzen Tschador kehrt der österreichischen Reisegruppe den Rücken zu, bevor die Kameras klicken. Das Mädchen zieht eine Packung Kaugummi aus ihrer Jacke und hält sie dem Fremden entgegen.

Der hat aber kein Gegengeschenk. Nur „unreine“ Zigaretten. Schamrot sollte „man“ (persisch: ich) jetzt werden. „Nimm’s“, flüstert Ute unter ihrem Kopftuch hervor – in Iran herrscht der Hijab-Zwang auch für Touristinnen. Als Stoikerin trägt sie das Ding aber mit Fassung. Sie springt ein. Keine Ahnung womit, ein 10.000-Rial-Schein mit Khomeini-Konterfei in Gespenstergrün im Wert von knapp einem Euro war’s sicher nicht. „Mérsi“, danke. „Helló, helló!“ wiederholt das Mädchen. Jetzt winken auch die Mutter und der Obsthändler.

Ort der Szene: tief in der „Achsel des Bösen“, in der archetypischen Oasenstadt Yazd am Südrand der Kavir, der größten Wüste Irans. „Khosh aamadid“, herzlich willkommen – immer und überall begrüßen die Iraner die Österreicher überschwänglich, besonders Kinder und Jugendliche.

Schurkenstaat, Achse des Bösen, Islamo-Faschismus – so unmissverständlich der Iran Ahmadinejad’scher Prägung tituliert wird, so verständnislos steht die Welt dem Schreckensgebilde Gottesstaat gegenüber. Kein Wunder, irgendwie.

Mitten in der Postmoderne tut sich im Wüsten- und Bergstaat Iran Ende der 70er-Jahre ein Wurmloch im Raum-Zeit-Kontinuum auf, fahl schimmernd in heiligem Grün. Würdige bärtige Herren mit ungesunder Gesichtsfarbe stolpern aus einer anderen Zeit heraus und blinzeln ins Licht der Gegenwart: die Mullahs (Meister). Irans Schiiten glauben an den Messias: die Wiederkehr ihres zwölften Imams (Führers) Mohammed, der im 9. Jh. in einem Brunnen verschwand und seither „in der Verborgenheit lebt.“ Daher der Name Zwölfer-Schia (zwölf Imame, direkte Nachkommen des Propheten).

Gottlos, konsumsüchtig: Schah Pahlavi
Erstes Angriffsziel der Prediger ist der gottlose Konsumaddict und Satrap des Westens, Schah Pahlavi, der Iran in die Moderne beamen und ans Ausland verkaufen will – womit er das Recht als temporärer weltlicher Imam-Stellvertreter verwirkt hat.

Die Mullahs schaffen es tatsächlich, den Schah aus dem Land zu werfen. Riesenüberraschung im Westen, Freude im Iran. Völlig fassungslos, auch heute noch, ist alle Welt hingegen über die weiteren Erfolge der Kleriker: Es gelingt ihnen, die gläubige Bevölkerung und die Bazari (Händler) zu mobilisieren, die urbane Intelligenz auseinanderzudividieren und ins Exil zu treiben. Wer bleibt und nicht schweigt, blickt in die Gewehrläufe. Die erste und einzige Revolution von unten, die von Geistlichen im Verein mit dem Groß- und Kleinhandel organisiert wird, mündet in einen Kleriker-Staat, in dem ausgepeitscht, gesteinigt und Homosexuelle öffentlich gehenkt werden.

Die Islamische Republik ist aber nicht nur eine Singularität der Weltgeschichte, sondern auch das attraktivste Reiseziel des Mittleren Ostens. Iran ähnelt Tibet: Hinter dem Himalaya überlebte die Minderheitenreligion Lamaismus, im iranischen Hochland, das siebenmal so groß ist wie Deutschland und nach allen Seiten von Hochgebirgen abgeriegelt ist, die Schia.

Bis zur islamischen Eroberung ist Iran zoroastrisch. Noch heute leben 30.000 Anhänger dieser ebenso alten wie einfach gestrickten Religion (ewiger Kampf des Guten gegen das Böse) im Iran, die meisten in Yazd. Unweit der Stadt ragen auf zwei Hügeln mächtige, in ihrer Schlichtheit erhabene Rundbauten in den Wüstenhimmel: die Türme des Schweigens. Auf der Plattform der Lehmbauten traten die Zoroastrier ihre Reise ins Jenseits an: via Airmail im Magen der Geier, bis Schah Pahlavi diese ökologisch superkorrekte Bestattung ausgerechnet wegen mangelnder Hygiene in den 50er-Jahren verbot. Zoroaster (Zarathustra), ein persischer Prophet und verfrühter Grüner, geißelte schon Jahrhunderte v. Chr. die Verschmutzung der vier Elemente durch den Menschen.

Angewandte Chaos-Theorie
Yazd führt den Österreichern mit der Freitagsmoschee (14. Jh.) das erste Beispiel der überwältigenden Schönheit klassisch-iranischer Baukunst vor Augen: Orgien von Symmetrie und Ornamentik, Kalligrafie, Fayencekunst und Farben. Lehmziegel wechseln auf der Kuppel mit glasierten Fliesen, woraus komplizierte Muster entstehen, die zudem mit Schriftgirlanden überzogen sind. Ausgetüftelt von Mathematikern, ausgeführt von hoch qualifizierten Handwerkern – angewandte Chaos-Theorie. Die Österreicher werden in Isfahan und Shiraz (siehe Seite 2) noch größere Augen machen – Irans Moscheen sind die schönsten der Erde.

Bis ins 16. Jh. bleibt Iran sunnitisch und sufistisch (volksnahe, karitative Mystiker-Bewegungen). Ausgerechnet die ursprünglich sufistische Safawiden-Dynastie legt zu Beginn des 16. Jh. den Keim zur Mullakratie.

Die 12er-Schia wird Staatsreligion, Shah Abbas I., der Große, reformiert Iran, das Land blüht auf, Abbas holt aber auch schiitische Gelehrte ins Land und integriert sie als Prediger, Lehrer, Richter und Beamte in die Staatsbürokratie. Mehr noch: Der Klerus zählt ab sofort zur Aristokratie mit dem Recht auf – Landbesitz! Mehr haben die Mullahs, bisher schon fett finanziert durch die im Koran vorgeschriebene Sozialsteuer und religiöse Stiftungen, nicht gebraucht: Ihre Macht ist nicht nur in den Köpfen der Irani, sondern auch finanziell zementiert. Alle Reformversuche der folgenden Jahrhunderte stoßen auf den Widerstand der Mullahs: um die Jahrhundertwende, als sich erste demokratische Bewegungen gegen den Ausverkauf des Landes ans Ausland wenden; zuletzt in den Siebzigerjahren. Heute zählen die 70.000 Mullahs zu den Superreichen, Welt, das Land gehört ihnen: Staatsmonopolskapitalisten.

„Salam!“ Sejid Kamel Rezai, Chef der Khan-Koranschule in Shiraz, begrüßt die Reisegruppe, lächelt freundlich, rechte Hand aufs Herz. Ah, die Österreicher. Kleines Land, aber gute Geschäftspartner. Geduldig beantwortet Rezai Fragen. „Ja, natürlich würden wir den Papst einladen.“ Wann denn der Mahdi komme? „Das bestimmt Gott.“ Die Touristen nicken, bewundern die Schönheit des Hofs, den achteckigen Teich, die Bitterorangen und Palmen. Und ziehen ab.

Der Kaugummi, made in Iran, schmeckt nach Banane und klebt wie Zement. Aber ich verehre die Packung.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 29.09.2007)

Original story: here